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Wie alles begann
„Hier würde ich auch gerne leben, João Pedro - weißt du, dass es jetzt bei mir zu Hause friert?“ Ich bin zum dritten Mal in São Filipe und sitze mit João Pedro auf der Mauer, 40m oberhalb von Fonte Bila, dem schwarzen Strand von Fogo. Vor uns der Atlantik, der allmählich im Dunst verschwindet. Brava ist nur schemenhaft zu erraten – bruma seca, der staubige Saharawind verschleiert die Nachbarinsel schon seit Tagen. Auf dem Wasser zwei Fischerboote, unten spielen ein paar Jungen Fußball. Die Fischer winken und einer der Jungen läuft ins Wasser, taucht durch die Brandung und schwimmt zu den Booten. Kurz darauf ist er auf dem Rückweg und nützt eine Lücke zwischen zwei Wellen um an den Strand zu gelangen. Er balanciert einen Fisch auf dem Kopf. „Serra,“ sagt João Pedro - Sägefisch. Der Junge geht die steile Straße hinauf zum Gefängnis, dann an der katholischen Kirche vorbei bis zum Mercado Municipal, dem städtischen Markt. Es wird nicht lange dauern, bis der Fisch den Besitzer gewechselt hat. „Sprich mit Dona Filó,“ sagt João Pedro. „Das Grundstück hier gehört ihr, es ist zu verkaufen - vamos“ Das Haus von Dona Filó ist nur ein paar Schritte entfernt. Davor toben mehrere Kinder, ein Mädchen grinst mich breit an, ruft mir etwas zu, das ich nicht verstehe, die anderen lachen. João Pedro fragt nach Dona Filó, aus dem Dunkel des Hauses kommt eine Antwort, wir dürfen eintreten. Wir sitzen auf weißen Plastikstühlen im Flur und warten. Die Mädchen sind ebenfalls hereingekommen und stehen neugierig und etwas verlegen herum, stoßen sich gegenseitig an und lachen. Ein Türspalt gibt den Blick in den Wohnraum frei. Madonnenbilder hängen an den Wänden, ein Bild von einem Schiff, alte Schwarzweißfotos stehen auf einem Regal. Dona Filó kommt herein und betrachtet mich. Eine ältere Dame im schwarzen Kleid, ihr faltiges Gesicht strahlt freundliches Interesse aus. Die Mädchen lachen nicht mehr und schauen sie erwartungsvoll an. Wir dürfen uns wieder setzen und ich versuche mich mit meinen portugiesischen Brocken verständlich zu machen. Die alte Dame schüttelt den Kopf, sie spricht nur Creolo und João Pedro übernimmt die Regie. Er trägt mein Anliegen vor. Der Blick von Dona Filó wird kühler und vorsichtiger. „Ja,“ sagt João Pedro, „das Grundstück ist zu verkaufen, aber es gibt einen anderen Interessenten und der hat natürlich Vorrang.“ Es folgt noch einen Wortwechsel zwischen den beiden und die Mädchen fangen wieder an zu lachen. Dona Filó erhebt sich und der Abschied ist etwas steif und förmlich. Draußen sagt João Pedro, meine Chancen seien nicht gut, aber am nächsten Tag kämen ihre Freundinnen mit denen sie alles bespricht. Dann solle ich noch einmal vorbeischauen. Am nächsten Tag treffe ich João Pedro wieder an der Mauer. Der Strand ist menschenleer und der bruma seca hat noch zugenommen. Brava ist überhaupt nicht mehr zu erkennen. Wir gehen zu Dona Filó und João Pedro linst durch das Fenster, in dem sich eine rosa Gardine im Wind bläht. „Jetzt nicht,“ sagt er, „die Freundinnen sind da – sie beten.“ Am Nachmittag gehe ich noch einmal am Haus von Dona Filó vorbei. Sie erkennt mich sofort, kommt mit einem strahlenden Lachen auf mich zu und klopft mir auf den Rücken. Ich soll eintreten. Es ist noch eine jüngere Frau im Hause, die mein Portugiesisch versteht. Dona Filó holt einen kleinen Karton aus dem Wohnzimmer, aus dem sie verblichene Fotos und alte Unterlagen vom Katasteramt herausnimmt. Sie redet schnell und viel und ich verstehe kein Wort. Die junge Frau legt ihr lächelnd die Hand auf den Arm und wendet sich an mich. Ich erfahre, was die Beratung mit den Freundinnen ergeben hat: ich bin der richtige Käufer für das Grundstück. Dona Filó zeigt mir noch mehr Fotos - ein Schiff muß in ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben – klopft mir immer wieder auf die Schulter und wir vereinbaren ein weiteres Treffen. Dann erhebt sie sich, tritt noch dichter an mich heran und hält mir ihre zerfurchte Wange hin. Drei beijinhos - Küsschen - zum Abschied. Draußen spielen die Mädchen Brennball, winken mir zu und lachen. Epilog Der Kauf kam nicht zustande. Dona Filó ist nicht die einzige Besitzerin des Grundstücks. Es gibt noch eine Erbengemeinschaft, die über die ganze Welt verteilt ist, und diese unter einen Hut zu bringen, war einfach nicht möglich. Dieses Problem ist, wie ich später erfuhr, ziemlich verbreitet. Ein Jahr später überraschte mich João Pedro damit, dass auch das Nachbargrundstück verkauft werden soll – es hatte nur einen Besitzer und die ganze Abwicklung war unkompliziert. Am 4. November 2003 ist Dona Filó 100 Jahre alt geworden – Deus ku bo
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